Eine schlechte Reputation kann selbst die größten Anlässe trüben
Die teuerste Weltmeisterschaft der Geschichte ist wenig überraschend nicht mit einem großen Knall gestartet, sondern eher mit einem leisen Wimmern. Auf den Straßen sind nur wenige Fahnen zu sehen, die Begeisterung hält sich in Grenzen, und besonders schmerzhaft für die FIFA: Die Stadien sind kaum zur Hälfte gefüllt. Die negative Stimmung hat sich schon seit einiger Zeit aufgebaut. Und der Fußball, der all das eigentlich hätte vergessen machen sollen, konnte die Kritik bislang kaum übertönen. Was also ist schiefgelaufen?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Manche werden auf die Fußballmüdigkeit verweisen – Arsenal hat in der vergangenen Saison 70 Spiele bestritten, und das war nur ein einzelner Verein. Andere werden die Zeitzonen anführen. Doch ein Anstoß zum Frühstück hat Fußballfans noch nie davon abgehalten, einzuschalten. Das eigentliche Problem liegt tiefer – und trägt eindeutig die Handschrift der FIFA.
Es ist nicht das erste Mal, dass dieser Verband einen schweren Reputationsschaden erleidet. Der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter trat 2015 in Ungnade zurück. Katar und Russland standen bereits Jahre vor Beginn ihrer jeweiligen Turniere massiv in der Kritik. Doch jedes Mal verebbte der Lärm irgendwann, und der Fußball „gewann“ – Messis WM-Triumph wird als bleibendes Bild von Katar in Erinnerung bleiben, ganz gleich, was vorher war. Diesmal ist anders, dass sich die Krisen beinahe täglich häufen. Die Probleme sind zu zahlreich, zu sichtbar und zu sehr selbstverschuldet, als dass der übliche Neustart greifen könnte.
Man könnte bei den Tickets anfangen. Ein Team von der Gruppenphase bis ins Finale zu begleiten, soll Schätzungen zufolge zwischen 10.000 und 35.000 US-Dollar kosten. Selbst Trump sagte, er würde das nicht bezahlen – eine bemerkenswerte Aussage für einen Turniergastgeber in der Öffentlichkeit. Als bei einem der jüngsten Spiele eine deutliche Lücke zwischen der offiziell verkündeten Zuschauerzahl und den im Fernsehen sichtbaren leeren Sitzen zu erkennen war, sah sich die FIFA zu einer Reaktion gezwungen. Sie behauptete, die genannte Zahl an Fans sei tatsächlich vor Ort gewesen – allerdings hätten sie im Umlaufbereich gestanden.
Was sich jedoch nicht verbergen lässt: Bislang war weniger als die Hälfte der Spiele ausverkauft. Und viele der besetzten Plätze gehören nicht Fans, sondern Unternehmenssponsoren mit Freikarten. Einige Fans kritisieren bereits die unablässigen Kameraschwenks auf Prominente mitten im Spiel – eine Kleinigkeit vielleicht, aber ein weiteres Zeichen dafür, für wen dieses Turnier eigentlich gemacht ist.
Dann kam das Verbot von Wasserflaschen – so schlecht aufgenommen, dass der britische Premierminister Keir Starmer es als „falsch“ bezeichnete und sogar sagte, es sei offensichtlich kommerziell motiviert. Die FIFA nahm die Entscheidung zurück, doch der Schaden war bereits angerichtet. Danach folgten die verpflichtenden Trinkpausen, die laut FIFA eingeführt wurden, um die Spieler vor der Hitze zu schützen. Allerdings gelten sie unabhängig von der Temperatur – selbst in klimatisierten Stadien mit geschlossenem Dach. Ihre eigentliche Funktion ist, wie fast alle vorhergesagt hatten, das Spiel in Viertel zu teilen und den Sendern zusätzliche Werbeplätze zu verschaffen. Damit wird ausgerechnet das angegriffen, was den Fußball immer von fast allen anderen Sportarten unterschieden hat: sein nahezu ununterbrochener Spielfluss.
Und selbst jetzt, da tatsächlich Fußball gespielt wird, hört die FIFA nicht auf, Eigentore zu schießen. Der iranischen Mannschaft wurde nach dem Auftakt-Unentschieden gegen Neuseeland mitgeteilt, sie müsse die USA umgehend verlassen. Das Team war von einem Trainingslager in Mexiko angereist, während wichtigen Betreuern die Visa komplett verweigert worden waren. Der Kapitän nannte die Situation „eine Katastrophe“. FIFA-Präsident Gianni Infantino besuchte die Kabine, um aufmunternde Worte zu finden, doch sein Auftritt trug kaum dazu bei, die Empörung zu beruhigen. In einem anderen Fall wurde ein VAR-Offizieller, dem vorgeworfen wurde, eine mit White Supremacy assoziierte Geste gemacht zu haben, von der FIFA-eigenen Disziplinarkommission freigesprochen – ein Verfahren, das unabhängig vom Urteil außerhalb der Organisation nur wenige als beruhigend empfanden.
Die Kampagne Reboot FIFA, die in der Woche vor Turnierbeginn gestartet wurde, ruft zur größten Einzelbeschwerde auf, die die Organisation je erhalten hat. Ob sie Erfolg haben wird oder nicht: Sie spiegelt wider, was viele Menschen weltweit seit Jahren empfinden.
Was die „Disasterclass“ der FIFA zeigt: Wenn Reputation nicht aktiv gemanagt wird, sammelt sie sich irgendwann gegen einen an. Die aktuellen Probleme sind nicht das Ergebnis einer einzigen Fehlentscheidung oder einer schlechten Woche. Sie sind das Produkt jahrelanger Entscheidungen, bei denen Umsatz über Vertrauen gestellt wurde – und der Annahme, dass der Fußball selbst groß genug sei, um jede zusätzliche Belastung aufzufangen. Wenn die Risse öffentlich sichtbar werden, wurde der Grundstein dafür meist schon lange vorher gelegt.
Für jede Organisation ist die Lektion dieselbe: Reputation ist nichts, was erst in der Krise gemanagt wird. Sie wird aufgebaut – oder beschädigt – durch eine Reihe guter oder schlechter Entscheidungen. Der Fehler der FIFA war nicht das Verbot von Wasserflaschen, die Ticketpreise oder gebrochene Versprechen. Das waren nur Symptome. Der eigentliche Fehler war, Reputation als Problem anderer zu behandeln – bis sie plötzlich zum Problem aller wurde.

























